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Johann Joseph Görres
(1776-1848)


Der Begründer des Rheinischen Merkurs, zählt zu den frühen Demokraten der deutschen Geschichte. Voller Leidenschaft kämpfte er mit der Waffe des Wortes für Freiheit und Einheit der deutschen Nation, für ein Staatswesen, das auf einer gerechten Ordnung basiert.
Inwiefern die Entwicklungen seiner Zeit - Politik, Geistesgeschichte und Religion - den Impetus gaben, soll auf diesen Seiten dargestellt werden.

1 Prägende Einflüsse

Josephs Vater, Moriz Görres, war Kleinbauer und Winzer. Mit Mühe konnte er durch Handelstätigkeit im Holzgeschäft Wohlstand erwerben. Sparsamkeit und Arbeitseifer, die Angst vor dem Abstieg waren in der Kindheit bestimmend. Der Vater machte den Besuch des Gymnasiums möglich. Auf der Schule, von Jesuiten betrieben, lernte Joseph das Fortschrittsdenken und die Aufklärung kennen: Rationalität verbessert die Ökonomie, die Wissenschaft und das Wohlergehen der Menschen. Trotz der Erfolge seiner Zeit glaubte Görres nicht an die Stetigkeit des Gelingens, die kaufmännische Biografie des Vaters hatte Spuren hinterlassen: Auf dem Lebensweg müssen Gewinne und Verluste einkalkuliert werden – abgerechnet werde zum Schluss. Hinzu kam der Einfluss einer klerikal geprägten Umgebung: Das Jesuitische, die Verbindung von Religion und Intellekt, scheint für Görres maßgebend. Durch den Geist wird das Antlitz der Erde neu (vgl. Ps 104,30). Es sind Worte, die Einsicht vermitteln und das gute Handeln möglich machen. Bildung und Leistung hängen für Görres untrennbar zusammen. Die Worte der Erkenntnis müssen die Köpfe und Herzen der Menschen erreichen. Nicht die kalte List der Politik, nicht die technische Raffinesse, schaffen eine neue Welt, sondern das ehrliche Interesse an den Menschen, ein kluges und liebevolles Einbringen ihrer differenten Anliegen. So werden die Kräfte des Gemeinwesens einbezogen und aktiviert.

2 Kirche/Staat

Görres forderte die Trennung von Staat und Kirche. Ihre Ablösung von der re- alen Staatsmacht, werde beiden nutzen: In einem System der Vermischung sei Religion gegen die Idee der bürgerlichen Gesellschaft gerichtet und ihr Fortschreiten werde behindert. Ebenso die Akzeptanz der christlichen Lehre bei den Gebildeten, obwohl die Botschaft der Christen die Freiheit sei. Görres glaubte, dass sich die Kirche unglaubwürdig mache. Um Schaden von sich zu wenden müsse die Emanzipation der Religion vorangetrieben werden. Wenn Sie vom Absolutismus abhinge, könne sie keineswegs als moralische Instanz gelten. Da Religion Gemeinsinn schaffe, könne es kein funktionierendes Gemeinwesen ohne sie geben. Der Zusammenhalt im Geist der Nächstenliebe sei nötig, um das bestehende System und das dynastische Eigeninteresse auszuhebeln. Religion werde missbraucht, sobald sie mit einem Herrschaftssystem verbunden sei, so dass sie »zum Deckmantel für Habsucht und böse Leidenschaften« werde. Die Kirche mache sich schuldig, sofern sie dulde, dass Herrschende persönliche Machtinteressen und nicht die Anliegen aller Menschen verfolgen. Die fehlende Zuwendung und die Nichtbeachtung der Bedürfnisse könne die Kirche, in ihrer selbst gewählten Gefangenschaft nicht abfangen. Das habe zur Konsequenz, dass sie als Autorität fehle.

3 Das Gemeinwohl

Die genannten Einflüsse bewirkten bei Görres die Ausbildung einer Gemeinwohl-Theorie, die eine Synthese aus Rationalität und Emotionalität als Prämisse einer sozialen und wirtschaftlichen Umgestaltung postulierte. Das Modell des Gesellschaftsvertrages, das Jean-Jacques Rousseau 1760/61 formulierte, wurde von Görres aufgenommen und fortentwickelt: Rousseau nahm an, dass ein rationales Zusammenfinden der Menschen, mit dem Ziel Besitztum und Sicherheit zu gewährleisten, die Staatsbildung bewirkt habe. Görres teilte diese Ansicht, ergänzte das Modell aber um die Gefühlskomponente: Wenn Einzelne sich im Staatsgebilde mit dem Anliegen zusammenfinden, Wohlstand herbeizuführen, soll der »Wohlstand der Seele« in gleicher Weise gewährleistet sein, so dass die Kirche gebildet wurde. Beide Sektoren seien wichtig, um eine stabile Struktur zu schaffen, doch sie müssten getrennt sein: Die Staatsgewalt dürfe nicht im Rahmen kirchlicher Strukturen ausgeübt werden, die Kirche nur für geistige Fragen zuständig sein. Sie dürfe nicht über Menschen verfügen und niemanden zwingen, ihr anzugehören. Das emotionale Zusammenfinden, Religion und Kirche, müsse aber frei sein von Herrschaftsinteressen. Nur so könne die kirchliche Existenz fruchtbare Impulse – Denkansätze und Handlungsmaxime – für den Sozialverband garantieren.

4 Französische Okkupation

Durch den Einmarsch der Franzosen (1794) wurde die Herrschaft des Kurfürsten westlich des Rheins beendet (Annexion 1801). Görres hoffte, dass nun ein demokratisches System entstehen würde, das Religion und Staat entflechte und Handlungskräfte auf beiden Seiten freisetzen würde. Görres glaubte, dass die Bürger in die Gestaltung der Gesellschaft einbezogen würden, so dass sie ihre wirtschaftlichen und politischen Interessen selbst verfolgen könnten. Eine solche Möglichkeit sah er durch die Präsenz der Franzosen gegeben. Sie schienen als Schutzmacht einer demokratischen Entwicklung aufzutreten. Görres unterstützte die Okkupation und gab Schriften heraus, die um Unterstützung für die Besatzer warben. Doch schon bald musste Görres erkennen, dass seine Hoffnungen unerfüllt blieben. In seinen Veröffentlichungen bezeichnete er die Franzosen bald als »Diebe und Taugenichtse« und konstatierte eine »Arroganz der stolzen Besieger«.Seine Kritik erging öffentlich, ganz im Bewusstsein der Aufklärung, das Benennen der Probleme sei der erste Schritt zur Lösung. Ein wenig naiv glaubte er, dass die Franzosen, die mit guten Absichten gekommen seien, die Missstände unter dem Druck der öffentlichen Meinung beseitigen würden.

5 Paris-Reise (1799)

Als Görres in der Paris eintraf, hatte mit dem Staatsstreich Napoleons die Revolution ihr Ende gefunden. Görres, der ein Jahr in der Stadt weilte, fand eine neue Situation vor, die ihn überzeugte, dass die Revolution gescheitert sei. Zwar waren die Errungenschaften der Zeit – vor allem das Bürgerliche Recht – erhalten geblieben, doch Görres konnte in der Hauptstadt nicht den Geist der Humanität erkennen, der ihm vorschwebte. Stattdessen vernahm er hartes Gemüt, strenge Zucht und rohe Gewalt. In dieser Situation habe sich ein kriegsgeprägter – vom Recht des Stärkeren überzeugter – General an die Spitze des Staates geputscht. Die Gewaltexzesse führte Görres auf zwei Faktoren zurück: Ein Grund schien ihm die Zurückweisung des Christentums und seiner Moral in den 90er Jahren zu sein. Er betonte, dass eine Gesellschaft Werte brauche, um bestehen zu können und sah keine Alternative zu den tradierten. Das Neue könne keineswegs aus dem Nichts entstehen. Ein Abfall von der Moral habe die Grausamkeit der Ereignisse und die Wildheit hervorgerufen. Zweitens erkannte Görres vor Ort, dass es zudem eine Heterogenitität der Bewegung gegeben habe: Eigennützige Ziele der verrohten Parteien hätten den gemeinsamen Erfolg konterkariert. Die fehlende Geschlossenheit stünde durchaus mit dem Werteverfall und dem neuen Egoismus in Verbindung.

6 Paris-Bekehrung

In der Folgezeit war Görres bereit, konsequente Schlüsse aus seiner Paris-Reise zu ziehen: Die Gegenwart habe ein schlechtes Ergebnis hervorgebracht und die Entwicklung müsse weiter voranschreiten. Die Welt könne nicht unmittelbar ihre Gestalt verändern, so dass von einer »allmähligen Verbesserung« ausgegangen werden müsse: Die Demokratie sei nicht in kurzer Zeit erreichbar und müsse mit Mühsal und Ausdauer vorbereitet werden. Obschon dieser Erfahrung glaubte er, dass eine Neugestaltung weiter möglich sei. Damit eine Ordnung, die auf Freiheit und Recht basiert, entstehen könne, wollte er vollkommen auf die »Regeneration des geistigen Lebens« setzen. Sie würde ein neues Denken hervorbringen, so dass durch ein moralisches, gerechtes und vernünftiges Handeln, eine neue Mentalität, erreicht werden könne. Die Menschheit brauche »das immerwährende Fortschreiten zum Ideal der Kultur und Humanität.« Eine Veränderung durch Gewalt bringe nichts, denn die Bereitschaft, ein neues System zu festigen, sei nur möglich, indem Menschen rational und emotional angesprochen werden. Hier dachte Görres ganz jesuitisch. Als Mittel der Überzeugung galt ihm das Wort. Bildung und Kultur schaffen Zukunft, doch sei dies ein langer Weg. In Anbetracht der Herrschaft Napoleons zeigte sich Görres ernüchtert, was zur Folge hatte dass sein politisches Engagement für die Jakobiner ein Ende fand. Er begann in Koblenz an der Sekundarschule eine Tätigkeit als Lehrer der Physik.

7 Selbstfindung

Görres’ Lehrberuf in der Naturwissenschaft ging einher mit einem Studium anderer Disziplinen, das sich durch Autodidaktik und große Betriebsamkeit auszeichnete. In seiner Freizeit rezipierte Görres die Geschichte des Mittelalters, Literatur und altdeutsche Poesie. Die Kraft des Gefühls, die Sprache, die Musik und die Kunst würden es möglich machen, das Wahre und das Gute in sich zu entdecken und handlungsfähig zu werden. Die Suche war für Görres metaphysisch. Der Mensch finde zu sich selbst und zur Gottheit, dessen Abbild er sei. Die Mythen waren für Görres Ausdruck dieser Suche: Schon die junge Menschheit habe die Geheimnisse des Göttlichen erblickt und am reinsten erhalten. Infolge dieser Überzeugung erforschte er die Sagen der asiatischen Welt und lernte Persisch und Sanskrit. 1806 begann Görres an der Universität Heidelberg philologische und philosophische Vorlesungen zu halten. In Heidelberg lernte er Clemens Brentano und Achim von Arnim kennen. Unter dem Einfluss der Romantiker sah er sich in seiner Auffassung bestätigt, dass die Besinnung auf das Geistige, ebenso wie die geteilte Überzeugung, Gemeinsinn schaffe. In dieser Epoche ist eine Entwicklung festzustellen, an der auch Görres teilnahm: Ein Teil der Bildungsgesellschaft, hatte sich der Romantik zugewandt und nutzte die Poesie der deutschen Sprache, um sich von der Fremdherrschaft abzugrenzen. Das Bildungsbürgertum verneinte inzwischen den »französisch-rationalen Geist«, der zunehmend kalt und militaristisch wirkte.

8 Staat mit Seele


Görres stand dem Frankreich Napoleons skeptisch gegenüber. Die Franzosen seien keine Befreier und keine Vertreter gemeinsamer Interessen. Stattdessen gebe es nur die konsequente Verfolgung französischer Anliegen. Der Imperator sei strategisch, willkürlich und eigennützig, wodurch kein Unterschied zur alten Despotie gegeben sei. Das System, durch Napoleons Hand errichtet, werde allein durch Furcht und Schrecken aufrecht erhalten und könne daher nur mit Aggression gesteuert werden.Die Bevölkerung Europas leide aber unter den Kriegshandlungen. Napoleon sei ein rastloser Geist und mit ihm würden Millionen Gespenster umherstreifen. Die Ruhelosigkeit, die Brutalität und die Abkehr von den Werten der Menschlichkeit stünden ihm Widerspruch zu einem staatlichen Gefüge, in dem sich Wirtschaft, Religion, Sitte, Wissenschaft und Kultur entfalten können. Der Staat müsse ruhen und auf festen Werten gegründet sein, damit er beseelt werden könne.

9 Gegen Napoleon

Görres beklagte, dass der Kontinent durch die Permanenz des Krieges verdorben werde. Die Verrohung habe 1799 in Frankreich begonnen und sich fortwährend ausgebreitet. Das französische System fasse nicht den guten Geist, da es auf dem Mechanismus der Gewalt basiere und nur Krieg und Leid hervorrufe. Das Ergebnis sei offenkundig: So sei der Adel verarmt, »zerstreut [und] misshandelt«, die Geistlichkeit »erniedrigt [und] entehrt«. Die Kapitalnot der Städte sei vorangeschritten, das Privatvermögen zerrüttet, Handel und Gewerbe zerstört, das »Kirchengut zum größten Teil verschleudert.« Vertreibung, Hunger und Zerstörung seien überall in Europa zu beklagen. Die »alte Sitte und Gesinnung sei vergessen, die Jugend durch schlechte Erziehung [...] verdorben; die öffentliche Moral vergiftet«, die Töchter geschändet. In vielen Staaten gebe es »notdürftige Polizei« und viele Verbrechen. Es seien »alle Schandtaten begangen, die des Menschen Herz in seiner Verruchtheit zu ersinnen vermag«. Napoleon wird als kausale Folge der Schreckensherrschaft, als ihr Höhepunkt verstanden: Ein Gewaltmensch - durch Tyrannei geboren - der zu Recht den Widerstand der europäischen Völker wecke. Görres hielt daher den Kampf gegen Napoleon für legitim. Er formulierte zugleich die Hoffnung, dass das Feuer der Gewalt mit Feuer erstickt werde, so dass eine friedliche und demokratische Entwicklung sich entfalten könne. Wenn dem Imperator die Macht entrissen sei, könne eine neue Zeit der Vernunft beginnen: Ein System, das auf eine gewaltsame Umsetzung der Ideen verzichte.

10 Vision Europa

Görres vertrat die Auffassung, dass in sich ruhende Staatsgebäude überall in Europa installiert werden müssen. So wäre, nach dem Untergang Napoleons, ein neues Europa möglich, in dem das Gleichgewicht ausbalanciert werde. Alle Völker Europas müssten ihren Charakter und eine gerechte Beziehung zu den Nachbarn suchen. Das zerrissene Deutschland müsse bei diesem Prozess als Vorbild vorangehen. Wenn es sich weigere, würden Hass, Gewalt und Unvernunft das Staatswesen prägen und das Volk werde – wie es Frankreich tat – eines Tages über die Grenzen treten und »die morschen Gebäude Europas, bis an die Gränze Asiens« niederwerfen. Die Nationen seien aufgefordert, das Wahre und das Gute in ihrem Gefüge zu suchen, die Geschichte und die Poesie lebendig zu halten, so dass sich Geisteskraft und Menschenliebe entfalten. So werde eine gerechte Ordnung errichtet, die der Vernunft und der Moral genüge tut. Görres formulierte die Vision von ei- ner Republik Europa, in der die Völker – auf dem Fundament der Ethik und der Rechtsbeziehungen – friedlich zusammenleben. In diesem Europa werde nicht die Verheerung der Landstriche, sondern Wohlstand die Folge sein. Eine Umsetzung dieser Idee werde möglich, indem aufgeklärte Regierungen, überall auf dem Kontinent, zur Macht kämen. Deshalb sei es die »Pflicht jedes Weltbürgers eine Regierung, die nach Aufklärung strebt, zu unterstützen.« Die Gedanken seien grenzenlos und der »Strom der Aufklärung«, könne von einem Lande in das andere fließen: Die Publizität sei »der mächtige Hebel, der das Geisterreich in Bewegung setzt.«

11 Konsensgesellschaft

Die Bereitschaft eines Staates, sich der Fülle der Ideenwelt zu öffnen, könne die Freiheit des Denkens manifestieren, wodurch die einzelnen Glieder der Gesellschaft ihre Interessen zur Geltung bringen. Alle »Spannungen und Gegensätze von Menschen und Institutionen« seien »geehrt und gutgeheißen«, wenn die Positionen edel, auf der Basis von »Wahrheit und Recht«, vertreten würden. Rücksichtnahme, Gewaltlosigkeit und ein geistreicher Dialog seien nötig, um die Lösung von Kontroversen herbeizuführen. Görres erkannte, dass der Konsens nützlicher sei, als das ungebremste Aufeinanderprallen der Gegensätze. Ohne dieses Vorgehen verlöre der Staat seine Kraft, weil sich Divergenzen festsetzen und verhärten können – wie »Geschwüre, die den Körper durchwachsen«.

12 Das Alte reformieren

Bei der Entwicklung von Mechanismen, die das Zusammenleben regeln, müsse der Geist der Gemeinschaft rekurriert werden, damit die Umgestaltung dem Ganzen nutze. Eine Komponente des Geistigen sei die Tradition: Solidarität, Verständnis und Brüderlichkeit seien alte Werte, aus denen Neues generiert werden könne. Von diesen Grundvoraussetzungen sollten zeit- gemäße Reformen ausgehen. Bereits in der Vergangenheit waren sie zu finden. Im guten Glauben sei ein System entwickelt worden, das im Strom der Zeit zerschlissen wurde:

Görres vertrat die Ansicht, dass das Vorhandensein der Stände nicht grundsätzlich schlecht sei. Er glaubte, dass der Feudalismus auf einem demokratischen Prinzip basiert habe: Die Vorfahren der jetzt Herrschenden seien durch das Feudalsystem von unten legitimiert. Von der Versorgungsfunktion seien Krieger und andere Leistungsträger, aufgrund ihrer Fähigkeiten, befreit worden. Als Gegenleistung übernahmen sie die Steuerung des Sozialverbandes.

13 Leistungsprinzip

Görres wollte das Feudalsystem zur Grundlage einer Reformbestrebung machen. Zum einen glaubte er auf diese Weise – in den Jahren der Restauration – die Gegenwehr zu reduzieren, zum anderen sah er in der tradierten Gesellschaftsform eine gute Gestaltungsmasse. Das System sei zur Demokratisierung geeignet, soweit das Leistungsprinzip, und nicht die Vererbung einer Stellung gelte. Mit dem Christentum sei »die Idee der Gleichheit aller Menschen vor Gott in die Welt getragen« – damit sei aber nicht die Aufhebung ihrer Merkmale und Talente gemeint gewesen. Sie seien gött- licher Wille. Die differenten Gruppen der Gesellschaft dürften nicht in den Zustand der Auflösung geraten, stattdessen müssten ihre Spezifika optimal zum Wohle aller genutzt werden. So war Görres bereit, den Adel als soziale Gruppe zu bewahren, doch sollte seine Eigenschaft neu definiert werden. Indem er die Angehörigen als Leistungselite verstanden wissen wollte, konnte das Faktum der Geburt die Zugehörigkeit keinesfalls entscheiden. »Der, der mehr gelten wolle, habe mehr zu leisten.« Die sozialen Gruppen wurden gänzlich in Berufsstände umgedeutet, was einer sukzessiven Fortentwicklung gleichkam. Die Modifikation sollte die Zerstörung eines funktionsfähigen Systems verhindern, so dass im Prozess der Demokratisierung keine Substanz vernichtet werde. Letztendlich seien Gruppenbildungen unvermeidbar, weil sie rationale und legitime Zusammenschlüsse von Menschen gleicher Wesensart, mit gleichen Zielen, seien.

14 Parlamentarismus

Wie wollte Görres den Dialog der sozialen Gruppen, die Konsensfindung, auf der Grundlage von Geschichte und Tradition, auf dem Fundament des Kulturschatzes (Poesie und Christentum) gestalten? Hinter dieser Umschreibung verbirgt sich ein deutscher Nationalstaat - eine Lösung, die Görres durchaus im Blick hatte, obgleich er sich besorgt zeigte, dass im Zeitalter der Restauration eine solche Zielsetzung zu radikal sei. Er wollte zunächst eine Lösung für den Einzelstaat – ein Modell, das später auf den Gesamtstaat übertragbar sei. In dem Entwurf blieb der Landesherr erhalten, die reale Machtfülle beschreibt Görres nicht, er gibt aber den vagen Hinweis, der Landesherr könne auch in Zukunft »die Tradition verkörpern«, repräsentieren und emotionalisieren. Was das zukünftige Parlament betrifft, so greift er einen mittelalterlichen Typus auf, der die Gesellschaft in labarotes, bellatores und oratores unterteilte. Diese Stände, als Berufsgruppen definiert, sollten - proportional zur absoluten Größe – Abgesandte wählen. Solche Landesparlamente könnten eines Tages aus ihren Reihen Abgeordnete an ein gesamtdeutsches Parlament entsenden. Der Gesamtstaat könne durch einen Kaiser repräsentiert werden, doch werden auch hier keine Aussagen zur Machtfülle gemacht.

15 Epilog

Das französische Terror-Regime nach der Revolution und die Expansion unter Napoleon festigten Görres’ Überzeugung, dass eine Demokratisierung Europas nicht erfolgen könne, sofern die Menschen von ihren christlichen und nationalen Wurzeln getrennt werden. Die Rückbesinnung auf das Erbe der Vergangenheit sei notwendig, um die Zukunft zu gestalten. Eine christlich inspirierte Publizistik sollte die Wiederbelebung des geistigen Diskurses, auch im Zeitalter der Restauration, forcieren. Nach dem Wiener Kongress hatte Görres die Hoffnung nicht verloren, dass sich die Gestalt Deutschlands verändern lasse. Geprägt von der Franzosenzeit wollte er Zuspitzung und Radikalität vermeiden. Das Geistige sei wie ein großer Strom, der sich durch die Geschichte winde. Wie das Wasser, sei er stets im Flusse. Gemächlich müsse er fließen; ist er zu schnell, so sei die rechte Bahn verlassen. Würde er mit aller Kraft gestaut, so käme es zum Schaden des Dammes und ein gewaltsamer Ausbruch müsse die Folge sein. Er warnte die Jugend vor Übertreibung und hoffte, dass man die »Sache [nicht] zum Äußersten« treibe. Die Deutschen sollten sich auf ihre Geschichte und ihre Kultur besinnen, sich selbst und den guten Geist suchen und dann die Gesellschaft nach den Ansprüchen der Zeit ge- stalten. Aus diesem Blickwinkel gilt die Zuwendung zum Katholizismus, die Görres in der zweiten Lebenshälfte vollzog, in keiner Weise als Abkehr von den Visionen seiner Jugend.


Exkurs 15a

IN MEMORIAM

Exkurs 15b

DISCIPULUS PAULI