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6b Der Geist der Völker

Johann Gottfied von Herder (1744-1803) betonte Sprache als Ursprung und Entwicklungsfeld menschlicher Denkfähigkeit. Durch ihre Kraft werde die Gestaltung der Gesellschaft möglich. Sie werde gebraucht, um Forschung zu treiben oder um zur Bildung von »Verstandesideen« zu gelangen. Sie bilde den Charakter, festige den Glauben, schaffe Höflichkeit und Anteilnahme. Zugleich sei die Sprache das Gedächtnis und der Garant jeder Kulturgemeinschaft. In der Sprachfähigkeit des Menschen sei der Fixpunkt der Gottesebenbildlichkeit zu finden. Der Mensch verfüge zwar wie andere Kreaturen über die Fähigkeit, Laute zu produzieren, doch nur er sei in der Lage, Wörter und Satzgefüge selbst zu gestalten. Nur »Gottes Werk, die menschliche Seele« – die das »Bild seines Wesens« sei – könne durch Betrachtung der Schöpfung »Sprache schaffen und fortschaffen«. Das Begreifen der Dinge durch ihre Kraft habe zur Folge, dass dem Menschen die Welt untertan werde. Die Sprache sah Herder durch das seelische Befinden evoziert. Er stellte fest, dass ihre Genese vom Lebensumfeld beeinflusst werde. Konkrete Landschaften würden zur Prägung der Einzelnen beitragen. Menschen mit gleicher geografischer Position sei eine Übereinstimmung des Empfindens und sprachliche Kongruenz gegeben. Auf diese Weise sah Herder den Volksbegriff definiert und folglich glaubte er an die Existenz einer »Volksseele«. Die staatliche Existenzbedingung könne nicht durch eine Politik garantiert werden, die auf die Anwendung von »Gewalt, Krieg und List« zurückgreife. Auch der mit kühlem Verstand geschlossene Vertrag könne nichts bewirken; an die seelische Verbundenheit müsse appelliert werden.