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14b Polare Wirklichkeit

Görres' Demokratieverständnis ist geleitet von der Polaritätsidee. Sie bezeichnet das Verhältnis zweier konträrer, in Wechselwirkung miteinander stehender und sich gegenseitig bedingender Mächte oder Dinge. Görres, der in seiner Jugend als Lehrer der Physik tätig war, wusste, dass die Existenz von Polen das Freisetzen nutzbarer Kräfte bedingen würde. Er wollte die differenten Kräfte so zusammenführen, dass keine Zerstörung, sondern Bewegungsenergie die Folge sei. Im Lichte dieser Weltanschauung rekurrierte er die unterschiedlichen Konzepte seiner Zeit: Die Rationalität der Aufklärung und die Schwärmerei der Romantik, das religiöse Erbe und die Glaubensfreiheit, die Reformation und den Katholizismus, den Gesellschaftsvertrag und die Völkerrepublik, die Christengemeinschaft und den Stammesverband, die Gesellschaft der Bürger und den Feudalismus, die Jugend und das Alter, die Theologie und die moderne Wissenschaft, die Hoffnung auf Einheit und die Loyalität zum Fürstenhaus. Dass Görres alle Aspekte – soweit sie sich gewaltfrei und human, offen und dialogbereit zeigten – tolerieren konnte, lässt auf ein tiefes demokratisches Bewusstsein schließen. Möglicherweise ist das Verständnis für den Widerstreit der Kräfte in gleicher Weise durch die Beschäftigung mit dem asiatischen Kulturraum gewonnen. Ausgehend vom höchsten Prinzip des Kosmos (Tai Chi), stünden letztendlich alle Dinge der Welt in Harmonie, soweit die scheinbaren Gegensätze vom selben Urgrund abgeleitet würden.